Die Erfindung eines Grenzraumes

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Im Rahmen unserer Vortragsreihe „Grenzen|Horizonte“ möchten wir vom Interdisziplinäres Forum Heidelberg Euch herzlich zum ersten Votrag des Jahres 2019 einladen. Am kommenden Donnerstag, den 10.01. wird Christof Schimsheimer aus Mainz zum Thema „Die Erfindung eines Grenzraumes. Zur Bedeutung und Funktion der „Kresy“ in der polnischen Kultur seit dem 19. Jahrhundert“ sprechen. Die Veranstaltung findet um 19 Uhr c.t. im Hörsaal 07 der Neuen Universität statt. Wir freuen uns auf Euer Kommen!
Mit der dritten Teilung im Jahre 1795 verschwand Polen als eigenständiger Staat von der Landkarte und die polnischen Nationsbildungsprozesse des 19. Jahrhunderts vollzogen sich vor dem Hintergrund dieses Traumas. Das literarische Motiv der „Kresy“, eines Grenzraumes, der sich auf ehemals polnische Gebiete im Osten bezog, diente dabei zunächst als Projektionsfläche einstiger Größe und des Kampfes zur Verteidigung Polens im Angesicht ständiger Bedrohung. Die dadurch geschaffene Erinnerung an die „Kresy“ wurde mit der Pflicht zur nationalen Selbstbehauptung und dem Traum von der Wiederherstellung der Eigenstaatlichkeit aufgeladen. Im Jahre 1918, als sich Polen nach 123 Jahren Teilungszeit erneut als unabhängiger Staat konsolidierte, blieben dessen Grenzen umkämpft. Die „Kresy“ wurden dabei von polnischer Seite als Argument für die Aneignung von Raum instrumentalisiert. Diese Konstruktion eines mit Polen historisch-kulturell verbundenen Grenzraumes sollte dessen Polonität trotz seiner heterogenen Bevölkerungsstruktur und seiner umstrittenen territorialen Zugehörigkeit unterstreichen. Welches geographische Gebiet überhaupt gemeint war, blieb dabei einem steten Wandel unterlegen und änderte sich noch einmal dramatisch mit der durch den Zweiten Weltkrieg erfolgten Westverschiebung Polens. In der Volksrepublik Polen wiederum war die Erinnerung an die „Kresy“ tabuisiert, eine Konjunktur erlebten sie dann jedoch nach der politischen Wende von 1989. Im Vortrag wird die Karriere des „Kresy“-Begriffs, das heißt dessen Bedeutungs- und Funktionswandel, in Polen skizziert. Die „Kresy“ sind dabei nicht nur Ausdruck einstiger Zugehörigkeit eines Gebietes zu Polen, sie kategorisieren den bezeichneten Raum auch einerseits als untergegangenes Arkadien, als exotisches Land und andererseits als Bollwerk christlich-abendländischer Kultur. Das Paradox der „Kresy“, in denen Polen eine zivilisatorische Mission zu erfüllen glaubte, liegt in der Vorstellung eines peripheren und rückständigen Raumes, den man jedoch als zentralen Bewahrungs- und Bewährungsort polnischer Kultur verstand. Der „Kresy“-Begriff wurde dabei einer permanenten Revision unterzogen oder gar vollständig abgelehnt, wie nicht zuletzt auch von Polens östlichen Nachbarn.

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