Kategorie-Archiv: Alte Vortragsreihen

»Unser Leben ist absurd!«

Der zweite Vortrag unserer Humor-Reihe wurde gleich von zwei Referenten, Künstlern, Literaten bestritten. Jakob Hein und Jürgen Witte sprachen, der Hitze und einem besagten Fußballspiel geschuldet, zwar zu einem kleineren Publikum als Appletree Rodden in seinem Einstiegsvortrag, doch man war auch ein wenig erleichtert, bei diesen Temperaturen genug Platz und vor allem Raum zum Denken und Verfolgen der erst theoretischen, dann praktischen Erläuterungen der beiden Gäste zu haben.

Jakob Hein und Jürgen Witte in Heidelberg
Jakob Hein und Jürgen Witte in Heidelberg

Was sie verband, war zunächst einmal das Buch »Deutsche und Humor: Geschichte einer Feindschaft«, das sie gemeinsam veröffentlicht hatten und das vor allem im theoretischen Teil des Vortrags, der sich Fragen wie »Was ist Humor?«, »Warum schätzen der Feuilleton und das Bildungsbürgertum beinah nur humorfreie Kunst?« und »tun sie das zu Recht?« widmete, zu ernsthaften, aber gleichzeitig auch immer wieder augenzwinkernden, eben humorvollen Darstellungen herangezogen wurde. Das schwierige Verhältnis der Deutschen zum Humor – der vom Bildungsbürger als profanes, niveauloses Kulturgut oft nicht mehr als belächelt wird, da dieser ja »nicht einfach mal so lachen« kann, sondern eben nur zu angemessener Zeit, wenn man sich sicher sein kann, dass diese Art von Humor dem Status-angemessenen Niveau entspricht – steht auch im Zusammenhang mit dem schwierigen Verhältnis der Kunst zum Humor allgemein, auch wenn andere Nationen sich mit der Anerkennung der Komik in der Kunst nicht so schwer tun wie die unsere; aus England und Amerika kamen in den 50er Jahren die Inspirationen für die von den Deutschen dann doch so geliebten Cartoons eines Vicco von Bülow – Loriots. Aber was ist nun der große Makel des Humors für die Kunst? Witte gab als Antwort: »Kunst will elitär sein.« Und beständig. Und das ist Humor zunächst einmal kaum. Blickt man zurück in die Geschichte deutscher Kunst, findet man nur wenig Humorvolles, das es zu den Klassikern geschafft hat; Witte kommentierte das trocken: »Goethe und Schiller sind doch arg humorlos.« Und doch kann Humor sehr wohl elitär sein, ja man kann guten, überhaupt nicht niveaulosen Humor erlernen, wenn man ihn nur in der Gesellschaft bedacht platziert und ihm nicht als einzige Messlatte die Publikumsquote oder die Auflagenzahl anlegt, welche ihn zur bloßen Marktware degradiert. Denn Humor ist weit mehr, wichtiger und vor allem komplexer als oftmals angenommen: Jakob Hein brachte Humor in Verbindung mit den äußersten Themen unserer Existenz, der Erkenntnis, dass das Leben absurd ist und wir alle sterblich – Tatsachen, die die ernsthafte Kunst meist nur abbildet, das Dilemma, den Schrecken aufzeigt, denen aber der Humor ins Auge zu blicken, ihnen sogar Heiterkeit und Energie abzugewinnen wagt. Und weiter: Humor sei die bewusste Hinwendung des Geistes zu den Fesseln der Realität, das Aufzeigen von Rissen in diesem undichten Korsett des beständigen Erklärenmüssens; da Humor eben nicht erklärbar, eben nicht sezierbar und auseinandernehmbar ist, lässt er uns atmen, wo uns der Drang, alles erklären können zu müssen, beinah die Luft abschnürt.

Im Praxis-Teil konnte die erlernte Theorie dann gleich bewiesen werden. Und natürlich waren die Texte, die zum Besten gegeben wurden, alles andere als bloße »Anschauungsbeispiele« wie zuvor angekündigt – das Publikum saß dann auf einmal in einer höchst amüsanten, definitiv nicht niveaulosen, grandiosen Lesung zweier begnadeter Künstler, selbstbetitelt »entschiedener Niederkulturproduzenten«, deren Geschichten und Lyrik oder auch »bierselige Alltagsschreibseleien« genau wie die Autoren selbst hinter- und scharfsinnig, ironisch, gewollt komisch und pointiert waren.

In der anschließenden Fragerunde konnten dann noch Unklarheiten geklärt und persönliche Leseempfehlungen gegeben werden; auf die Frage hin, ob Humor denn immer auf Kosten anderer sein müsse, antwortete Hein mit einem Text, der sehr definitiv zeigte, dass guter Humor (wenn auch zuvor erläutert wurde, dass Humor natürlich nicht immer zum Schaden eines anderen ist), wenn er auf Kosten eines anderen geht, zumindest stets auf die des objektiv Stärkeren zu gehen hat.

Der nächste Vortrag der Reihe »Humor« schließt sich thematisch passend an: Dr. Michael Titze spricht am Freitag, 18. 7., über Schadenfreude, Hohnlachen und Gelotophobie.

Donnerstag, 12. Juni: Humor in der Kunst

Nach dem überaus gelungenem Start der Vortragsreihe geht es nun in die zweite Runde. Ein neuer Vortrag, eine neue Perspektive – diesmal sogar mit zwei Referenten.

Es ist uns eine Freude, Jakob Hein und Jürgen Witte im Interdisziplinären Forum willkommen zu heißen. In ihrem Buch »Deutsche und Humor: Geschichte einer Feindschaft« analysieren sie die Ernsthaftigkeit von Humor in unserer Gesellschaft, und warum Humor in der Kunst diese Ernsthaftigkeit abgesprochen wird. Ein vielversprechender Blickwinkel auf das Leitthema der Vortragsreihe also.

Jakob Hein
Jakob Hein

Jakob Hein war lange Oberarzt an der Charité in Berlin, mittlerweile hat er sich als Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie niedergelassen. Seit 2001 hat er diverse Bücher geschrieben; außerdem ist er seit mehr als zwei Dekaden in einer Berliner Lesebühne aktiv.

Jürgen Witte
Jürgen Witte

Ebenso lange ist auch Jürgen Witte in einer anderen Lesebühne, »Der Frühschoppen«, ein wirkendes Mitglied. Seines Zeichens Schriftsteller und Journalist, ist er auch Herausgeber einer kleinen Literaturzeitschrift, welche sich selbst als »ein Kleinod zeitgenössischer Spaßkultur« beschreibt.

Was die beiden Literaten eint, ist die Schriftstellerei um humorvolle Aspekte – eine solide Grundlage also, um das Thema Humor aus einer literarischen und gesellschaftlichen Perspektive aus zu beleuchten.

Wir freuen uns auf einen spannenden Vortrag, der am 12. Juni um 19 Uhr c. t. in Hörsaal 14 der Neuen Universität (2. OG) stattfinden wird.

»Lachen ist ein Zeichen des Friedens«

»Das Gehirn ist ständig an der Schwelle zum Lachen, der leichteste neuronale Reiz kann es auslösen.«

»Unser Hirn ist die ganze Zeit nur dabei, den Lachimpuls zu hemmen.«

»Lachen ist ein Zeichen des Friedens; in Situationen von Stress, Anspannung oder Gefahr lacht man nicht«

Appletree Rodden vortragend

In einem übervollen Hörsaal 1 lauschten 180 Zuhörer dem Vortrag »Lachen, Humor und Gehirn« von Dr. Frank »Appletree« Rodden, der die neue Reihe Humor eröffnete. In seinen Ausführungen verknüpfte er die drei Leitbegriffe, grenzte sie voneinander ab und gab erste Einblicke in das weite Feld der »Humorforschung«, in dem Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften eng zusammenarbeiten. Dabei betonte er die Schwierigkeit, Humor im Gehirn zu lokalisieren – die vielen offenen Fragen, denen die Wissenschaft noch gegenübersteht. Begeistert war er dann auch von den vielen Fragen aus dem Publikum, »Oh boy, so viele gute Fragen!« lobte er enthusiastisch. Von Humor und Depression über die kulturellen Gemeinsamkeiten (Lachen) und Unterschiede (Humor) bis hin zu evolutionären Überlegungen (Lachen als Friedensbotschafter) zielten sie in unterschiedlichste Richtungen und zeigten einmal mehr die ungemeine Interdisziplinarität des Themas. Wir bedanken uns bei Appletree Rodden und bei allen Besuchern, die diesen Abend zu der besten Eröffnungsveranstaltung gemacht haben, die wir uns wünschen konnten!

Die Folien von Appletrees Vortrag gibt es auch zum Download, zum genaueren Nachlesen.

Eröffnungs-Vortrag am 15. Mai: Lachen, Humor und Gehirn

Am Donnerstag, dem 15. Mai 2014, beginnt die Vortragsreihe »Humor« des Interdisziplinären Forums Heidelberg und wir freuen uns, Dr. Frank »Appletree« Rodden als ersten Referenten begrüßen zu dürfen.

Appletree Rodden

Der gebürtige Amerikaner wird uns einen spannenden Eindruck davon vermitteln, wie Humor und Lachen auf das Gehirn wirken und welche psychischen Konsequenzen hiervon ausgehen.

Rodden hat eine beeindruckende Laufbahn im Bereich der Neurologie hinter sich. Nach seinem Studium in Iowa arbeitete er zunächst als Post-Doc in der Neurochemie, danach kam er – nach einem Intermezzo als professioneller Balletttänzer in Kassel und Tel-Aviv – nach Deutschland und meisterte sein Staatsexamen der Medizin. In Marburg arbeitete er als Forschungsbiochemiker und Arzt der Neurochirurgie, seit letztem Jahr ist er in Zürich im psychiatrischen Bereich tätig.

Zweifellos ist Dr. Rodden eine facettenreiche Persönlichkeit. Als bewanderter Neurologe und mit seinen Erfahrungen im Bereich Humor ist er ein idealer Kandidat zur Eröffnung der Vortragsreihe.

Der Vortrag »Lachen, Humor und Gehirn« findet am Donnerstag, 15. 5. 2014, um 19 Uhr c.t. in Hörsaal 1 der Neuen Universität in deutscher Sprache statt.

Über die Entstehung von Anstand und Moral

Sommersemester 2012

  • Religion und Ethikbegründung
    Prof. Dr. Dr.h.c. mult. Gerd Theißen
  • Handeln Straftäter unmoralisch?
    Prof. Dr. Hans J. Markowitsch
  • Moralen im Plural? Anthropologische Reflexionen am Beispiel Arnold Gehlens
    Prof. Dr. phil. Karl-Siegbert Rehberg
  • Die Moral bei Sophokles
    Prof. Dr. phil. Egon Flaig
  • Warum Moral? Die Rolle der Moral im öffentlichen Diskurs
    Prof. Dr. iur. Dr. phil. Peter Koller

Das Ende der sozialen Marktwirtschaft?

Wintersemester 2011/12

  • Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit
    Prof. Dr. Dr. Franz Josef Rademacher
  • Profit ohne Moral – Gibt es eine Unternehmensethik der Marktwirtschaft?
    Dr. Dr. Thomas Rusche
  • Soziale Marktwirtschaft: Eine Diskussion
    Andreas Schirmer
  • Bedrohen die Finanzmärkte die soziale Marktwirtschaft? – Betrachtungen aus regulatorischer Sicht
    Dr. Stefan L. Pankoke

Junge Visionäre – Ideen für morgen

Wintersemester 2010/11

  • Bildung – ein Privileg der Reichen?
    Katja Urbatsch
  • Wenn man das Wort »Schönheit« gegen das Wort »Politik« schlägt, erzeugt man den Funken für eine Revolution
    Philipp Ruch
  • 2020 … If in 10 years you’re not in social business, you won’t be in business at all
    Jonathan Robinson
  • Es wird einmal sein… wie Design über Zukunft nachdenkt
    Bernhard Hopfengärtner

Das Böse

Wintersemester 2009/10 – Sommersemester 2010

  • »Der Kannibale von Rotenburg« – Kann das Böse verstanden werden?
    Prof. Dr. phil Hans-Volker Werthmann
  • Die Bestie Mensch: Wo hat das »vermeintlich Böse« seinen Ursprung?
    Dr. Thomas Müller
  • Variationen der Auffassung des Bösen im christlichen Kontext
    Prof. Mieth
  • Gefahren aus dem All: Das Universum als lebensfeindlicher Raum
    Prof. Bartelmann
  • Kann Wissenschaft böse sein?
    PD Dr. Michael Decker
  • Die Jugend von heute: Böse oder nur Verzweifelt?
    Fadi Saad
  • Tatort Gehirn: Neurowissenschaftliche Perspektiven der Gewaltkriminalität
    Prof. Hans J. Markowitsch
  • Targeting the evil twin
    Prof. Andreas Trumpp
  • Kinder und das Böse — eine Entwicklungsperspektive
    Podiumsdiskussion